- Villenkolonie Schlachtensee - Ilsensteinweg 16

  Die Villenkolonie Schlachtensee war nach 1894 ausgehend von den ersten Häusern an der Ahrenshooper Zeile entstanden.
Schon vorher waren um den S-Bahnhof Schlachtensee, der 1874 eröffnet worden war,  einzelne Häuser gebaut worden. 1898 entstand um die Krottnauer Straße die Villenkolonie "Schlachtensee-West.

(Bild 1: (c) Dirk Jordan)




1901 wurde dann auch die Villenkolonie Nikolassee als eigenständiger Ortsteil mit eigener Kirchengemeinde gegründet, während Schlachtensee Teil von Zehlendorf -auch der Zehlendorfer Kirchengemeinde- blieb. Erst 1947 entstand eine eigenständige Schlachtenseer Kirchengemeinde.
Die Geschichte der Villenkolonien und ihrer Häuser sind in dem mehrbändigen Werk  von Henning Schröder u.a. (www.schroederniko.de) beschrieben wor
den.

Parallel zur Ahrenshooper Zeile wurde die Albrechtstraße, der heutige Ilsensteinweg, angelegt. Die Bebauung begann schon 1894 mit dem ca. 10.000 qm großen Grundstück Nr. 1-5 am nördlichen Ende, an der heutigen Matterhornstraße. Es entstand eine hochherrschaftliche Villa für die Familie von Bültzingslöwen, Onkel von Paula Modersohn-Becker. 1903 erwarb sie der Kommerzienrat Otto Weber. Sie wurde von den Schlachtenseern bis zu ihrem Abriss 1970 als "Villa Weber" bezeichnet. Die nächsten Häuser entstanden dann um 1910 (Nr. 6- 8, 10-12, 16-18).

Die  Geschichte der Villa der Familie Königsberger auf dem Grundstück Nr. 16 - 18 soll im folgenden genauer beschrieben werden, da ich dort ab 1947 aufgewachsen bin. Die Bauherren der Villa waren Joseph und Johanna Königsberger.  Joseph Königsberger wurde 1860 geboren und stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die in Marienfelde, damals "bei Berlin" lebte. Vermutlich lebte Joseph Königsberger seit 1890 in Berlin. Sicher ist ein Eintrag im Berliner Adressbuch von 1893 „Joseph Königsberger, Josephstraße 6, Berlin SO“ ihm zuzuordnen. Er hatte diese Wohnadresse auch noch, als seine „Federbesatzfabrik“ in der Alten Jacobstraße 109 im Jahr 1895 zum ersten Mal im Adressbuch erschien.

Johanna Königsberger wurde 1864 als Johanna Fraenkel in Berlin geboren. Ihre Eltern und Großeltern waren Kürschner und Gürtler, sie hat als Schneiderin gearbeitet. Sie kam aus eher kleinen Verhältnissen.Sie heirateten 1887 in Berlin und hatten zwei Kinder. Als Religion wird in der Heiratsurkunde deri beiden Eheleute „mosaisch“ genannt. In den späteren Heiratsurkunden der beiden Kinder ist als Religion „evangelisch“ eingetragen, das heißt ihre Eltern ließen sie beide taufen. Doch das hinderte die Nazis nicht daran, alle Königsbergers später als „Juden“ zu verfolgen und auch zu ermorden.

Als Johanna Königsberger 1912 in die für sie und ihren Mann neu erbaute große Villa in der  in Schlachtensee einzog, konnte sie noch nicht ahnen, dass sie rund 30 Jahre später im Ghetto Theresienstadt elendig verhungern würde. Sie war auf dem Höhepunkt ihres Lebens. Aber ein erster schwerer Schicksalsschlag hatte sie schon getroffen: Ihr Ehemann Joseph Königsberger war im Mai 1911 gestorben und hatte die Fertigstellung des Hauses nicht mehr erlebt.

Ob Joseph Königsberger mit seiner Federbesatzfabrik das Kapital für das mehr als 6.000 Quadratmeter große Grundstück und den Bau der Villa mit etwa 20 Räumen erwirtschaftet hat oder ob es noch andere Geldquellen gab, ist nicht bekannt. Den Bauantrag für das „Landhaus“ reichte Joseph Königsberger am 29. Oktober 1910 beim Amtsvorstand zu Zehlendorf ein. Kurz danach schrieb ein besorgter Bürger an den Gemeindevorsteher, dass „die Pferde beim Heranschaffen von Steinen, Sand u.s.w. dadurch ganz ungehörig geschunden werden, weil die Straße nicht gepflastert ist.“ Er verlangte „recht baldige Abstellung“ des Missstandes, den „der betrf. Revierbeamte schon längst mal hätte sehen müssen.“
Unter dem Brief ist mit Bleistift vermerkt worden: „Die Straße wird im Frühjahr gepflastert.“ Die „recht baldige Abstellung“ erfolgte also, und die Villenkolonie Schlachtensee entwickelte sich weiter. Der Straßenzug des Grundstücks am Dubrowplatz blieb allerdings bis in die 1970er-Jahre noch ein befestigter Sandweg.


Die mit dem Bauantrag eingereichten Bauzeichnungen zeigen ein zwei- stöckiges Gebäude mit Souterrain und einem hohen Walmdach. Es gibt auf der Längsseite zur Albrechtstraße in der Mitte einen repräsentativen Eingang mit kleiner Balustrade und drei stockwerkhohen Fenstern im Treppenhausbereich.




Der Bauschein mit der Nr. 256 wurde keine vier Wochen (!) nach der Beantragung am 22. November 1910 erteilt, der Antrag auf Gebrauchsabnahme schon am 12. Juli
1913 entstanden noch zwei Gewächshäuser auf dem Grundstück, auf dem auch ein privater Tennisplatz existierte. Um das große Grundstück zu unterhalten, waren ein Gärtner und mehrere Hausangestellte beschäftigt.


Um 1920 musste Johanna Königsberger das Grundstück mit der Villa verkaufen. Was war geschehen? Die Firma „J. Königsberger, Fabrik v. Federbesätzen u. Federboas“ war 1912 als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) neuaufgestellt worden. 1920 zog sich Johanna Königsberger aus der Geschäftsführung zurück und übertrug fast die Hälfte ihrer Geschäftsanteile von 249.000 Mark an ihren Sohn Erich.  1926 musste die Firma Insolvenz anamelden, die Federschmuck-Mode war schon mit dem Ende des 1. Weltkriegs zuende gegangen.

Die Schlachtenseer Villa wechselte bis 1934 mehrfach den Besitzer. In dieser Zeit wurde das Grundstück auch parzelliert und in die Grundstücke 16, 16a, 16b, 16c, 18, 18a aufgeteilt.

  

Der ursprüngliche Umfang ist an dem erhalten gebliebenen Zaun noch zu erkennen.

In der Eingangstür zur Nummer 16 sind auch die Initialen „J K“ (Joseph oder Johanna Königsberger) noch vorhanden.



(Bild 3: (c) Dirk Jordan)


1939 erwarb Friederike Klein, geborene Druskat, die Nummer 16. Ihr Ehemann war Ingenieur und baute die Villa zu einem Mietwohnhaus mit je zwei Wohnungen pro Etage und einer Dachwohnung aus. Das Haus blieb im Besitz der Familie Klein bis zu seinem Verkauf und Abriss in den 1960er-Jahren.

 Wie es der Zufall wollte, mieteten in den
30er Jahren meine Großeltern eine Wohnung im 1. Stock, in die meine Familie 1947 einziehen konnte. Ich habe dann fast 20 Jahre in dem Haus gewohnt, ohne etwas von der Geschichte des Hauses zu wissen. Meine Großmutter erzählte wohl ein paarmal von einer „Pleureusen-Königin“, der das Haus früher gehört hatte. Genauer nachgefragt habe ich damals nicht.

(Bild 4: (c) Dirk Jordan)

 


Bei einer Recherche zu dem Haus wäre auch herausgekommen, dass in dem Haus Albrechtstraße 16 (während der Nazizeit: Hoensbroechstraße 16) sowohl der Bund Deutscher Mädel (BDM) als auch die Hitler-Jugend (HJ) zeitweise ihre Gruppenräume hatten.

Johanna Königsbserger war nach ihrem Auszug aus der Albrechtstraße 1920 in das Haus der befreundeten Familie Stöhr in der Viktoriastraße 52 (heute: Spanische Allee 8) in Schlachtensee gezogen und hatte dort eine Wohnung zusammen mit ihrer Freundin Else Stöhr.
Aus dieser vertrauten Umgebung wurde sie 1942 herausgerissen und mit dem 27. Alterstransport am 22. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, dort verstarb sie am 6. September 1942. Auf der Sterbeurkunde wird als Todesursache: „Akuter Darmkatarrh“ angegeben.

Die Tochter Else wurde im  Februar 1944 aus Berlin deportiert. Die dramatischen Umstände ihrer Verhaftung und ihres Todes sind bei der Verlegung eines Stolpersteins vor ihrem Wohnhaus in der Heesestraße 1 in Steglitz von der Enkelin berichtet worden:
Die Söhne wollten auf dem Bezirksamt Steglitz die Lebensmittelkarten für sich und ihre Mutter abholen und bekamen statt der Marken die Begleitung von zwei SS-Leuten, die mit zur Wohnung der „Sara Else Schröder“ wollten. Dort sagten sie ihr, dass sie sie jetzt für den Transport nach Auschwitz abholen wollen. „Meine Oma fragte dann nach, ob sie sich im Badezimmer ein paar Toilettenartikel mitnehmen könne, dies wurde genehmigt. Im Badezimmer nahm meine Oma dann die bereits vom Arzt erhaltenen Veronaltabletten, um Suizid zu begehen. Als die Männer das merkten, liessen sie einen Krankentransport kommen und befahlen die Verlegung ins Jüdische Krankenhaus. Dort verstarb meine Oma dann an den Folgen der Tablettenvergiftung."

Ihr Sohn Erich war nach Frankreich emigriert. Für die Nazis war auch er ein „Jude“. Sie internierten ihn im Sammellager Drancy bei Paris. Mit dem Transport Nr. 75 am 30. Mai 1944 kam er nach Auschwitz, wo er ermordet wurde.
Ihre Schwester, Zerline Tosch, wurde mit Johanna Königsberger zusammen in Therensienstadt umgebracht.
Die bisherigen Rechercheergebniss sind in dem Jahresband 2017 des Zehlendorfer Heimatvereins unter dem Titel:   Zwischen Villa und Ghetto   veröffentlich worden.